Kämpfen mit Herz und Verstand

Kämpfen mit Herz und Verstand - Leseprobe - Epilog

Wie ich mich nach meiner Zeit beim DGB in die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik einbringe

Wenn ich heute auf meinen turbulenten Abgang als Stellvertretende Vorsitzende des DGB auf dem 18. Ordentlichen DGB Bundeskongress am Dienstag, den 23. Mai 2006, im Berliner Hotel Estrel zurückblicke, rollen wie im Film viele dramatische Bilder und Situationen vor meinen Augen ab. Und manche Schlagzeilen fangen Hintergründe und Implikationen der Geschehnisse ein, die manche als Richtungsentscheidungen von großer Tragweite interpretierten.

„DGB schrammt an Blamage vorbei“ – so lautete der „Erste Seite Aufmacher“ des Handelsblatt, „Selbstenthauptung des DGB“ kommentierte die Süddeutsche Zeitung und „Selbstdemontage“ die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Der schnöde Abgang einer Powerfrau“ hieß es im Kölner Stadt-Anzeiger. „Eine abgewählte Vizechefin, ein Dämpfer für Sommer, Streit zwischen den Gewerkschaften: Der DGB beschädigt sich selbst“, titelte Die Welt.

Und niemals geht mir das Motto dieses Kongresses aus dem Sinn: „Die Würde des Menschen ist unser Maßstab“.

Als ich nach der knapp verlorenen Wahl bei den Kongress-Empfängen im Estrel die Runde machte, kamen vor allem von den Gewerkschaftsfrauen immer wieder solche Fragen wie: Wann kommt Dein Buch? Wann schreibst Du auf, wie Du Deinen Weg in den Gewerkschaften gemacht hast? Wie Du mit all den Männern fertig geworden bist? Was Du erreicht hast? Ursula, darauf sind wir gespannt!

Das war Ansporn und Verpflichtung.

Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis ich begann, mein damals gegebenes Versprechen einzulösen. Nämlich aufzuschreiben, woher ich komme und wofür ich mich all die Jahre eingesetzt habe. Warum ich sechs Jahre als Vizepräsidentin der damaligen Bundesanstalt für Arbeit (BA) und sechzehn Jahre als Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) – also mehr als zwei Jahrzehnte – im Fadenkreuz der sozialen Konflikte dieses Landes stand und dabei zur Zielscheibe der Angriffe marktradikaler Politiker, Wirtschaftsführer, Ökonomen und Medienmächte wurde.

Wie ich mich als Frau in einer von Männern dominierten Welt der Gewerkschaften behaupten musste. Schließlich, wie ich über einige Jahrzehnte versucht habe, die Anforderungen als Mutter einer vierköpfigen Familie mit den immer größeren beruflichen Aufgaben in den Gewerkschaften, in einer großen Bundesbehörde und in Deutschlands ältester Partei in Einklang zu bringen.

Warum ich mich trotz meiner damals 62 Jahre zu einer Kampfkandidatur für mein DGB-Amt durchringen musste.

Warum ich mich weiter in den sozial- und arbeitsmarktpolitischen Auseinandersetzungen engagiere.

Nachdem ich beim DGB- Bundeskongress in Berlin bei der Wahl zur Stellvertretenden Vorsitzenden knapp unterlag, wusste ich nicht: Soll ich unglücklich oder erleichtert sein. Unter einem der Zeitungsphotos meiner Niederlage stand der wahre Satz: „Ich hätte es mir einfacher machen können“. Von einem Tag auf den anderen war ich der aufreibenden Hektik an der DGB-Spitze entkommen. Mit dem Verlust des Amtes, in dem ich sechzehn Jahre die Verantwortung für die Sozialpolitik des gewerkschaftlichen Dachverbandes getragen hatte, war ich eine schwere Bürde los. Ich stand nicht mehr Fadenkreuz meiner Kritiker und Kontrahenten.

Ich dachte: Nun habe ich viel Zeit für mich selbst. Ich stellte mir viele Dinge vor: Endlich wieder regelmäßig Klavier zu spielen und mein Spanisch zu vervollständigen. Ich dachte auch daran, zusammen mit meinem Mann endlich die großen Reisen nach Australien und nach Lateinamerika zu machen, und vieles andere.

Aber dazu ist es bisher nicht gekommen. Drei Jahrzehnte Einsatz für Arbeitnehmer und Gewerkschaften lassen sich nicht einfach abschütteln. Es kamen neue Projekte, neue Arbeit auf mich zu. Ein neuer Lebensabschnitt mit ähnlicher Zielrichtung begann und ich eignete mir alles an, was ich dafür brauchte: sich wieder ohne Sekretärin zu organisieren; mit dem Blackberry umzugehen; alle Möglichkeiten des Laptops und des Internet auszuschöpfen. Inzwischen habe ich sogar gelernt, wie man die eigene Webseite www.engelen-kefer.de produziert und sich darüber hinaus über die modernen Kommunikationsmittel wie Facebook, Twitter oder YouTube vernetzt.

Nicht, dass ich gedacht hätte, ohne mich dreht sich das Rad der Sozialpolitik nicht mehr. Im internationalen Bereich gab es bis Erreichen meiner Pensionsgrenze mit dem 65. Geburtstag noch einen Übergang: Ich konnte den DGB bis Mitte 2008 als Mitglied im Verwaltungsrat der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf vertreten.

Schon bald durfte ich erfahren, dass meine Arbeit auch ohne das bisherige Amt geschätzt war. Frank-Jürgen Weise, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, bat mich, den BA Vorstand bei Maßnahmen für Langzeitarbeitslose zu beraten.

Ich übernahm Lehraufträge an der FU Berlin für Internationale Sozialpolitik und an der Hochschule der BA für Fragen der Arbeitsmarktpolitik.

Oft wurde ich als Rednerin zu Veranstaltungen eingeladen. Dass mich die Gewerkschaftsfreunde baten, in der Donaustadt Passau die „Festrede“ um zum 1. Mai 2007 zu halten, freute mich besonders.

Mit erheblichem Zeitaufwand war ich bemüht, ein Pilotprojekt zur Wiedereingliederung Arbeitsloser in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern voranzubringen. Dieses Projekt lag mir besonders am Herzen. Dort ist es uns gelungen, über 55-Jährige wieder in Arbeit zu bringen, darunter Aussiedler, Wende- Opfer, die alle gern arbeiten wollten. Wir haben ihr Selbstbewusstsein gefördert und zukunftsfähige Tätigkeiten mit Perspektive gefunden. Ihr Leben hat sich dadurch zum Positiven verändert. Dadurch können auch die Kommunen entlastet werden, die keine Renten mehr aufstocken müssen. Die Betroffenen konnten wieder ein eigenes Leben führen, Kontakte knüpfen und wurden aus ihrer Isolation befreit. Dieses Projekt besteht nach wie vor und könnte auf andere Länder ausgeweitet werden.

Ich brachte mich ein im Arbeitskreis Sozialversicherung im Sozialverband Deutschland (SoVD). Inzwischen habe ich die Leitung dieses Arbeitskreises Sozialversicherung übernommen. Die alle zwei Jahre fälligen Wahlen zum SPD- Parteivorstand kamen als nächste Herausforderung. Trotz dicker Knüppel, die mir aus ehemaligen „Freundeskreisen“ in die Beine geworfen wurden, bin ich vom Parteitag der SPD im November 2007 erneut für zwei Jahre in den Parteivorstand gewählt worden.

Dann kam für mich am Freitag vor Pfingsten 2008 ein Anruf, der mein Leben wieder in neue Bahnen warf. Da fragte mich Sven John, SPD-Unterbezirksvorsitzender Eichstätt und damaliger Schatzmeister für den SPD Bezirk Oberbayern, ob ich bereit wäre, als SPD-Kandidatin für den Bundeswahlkreis Ingolstadt, Eichstätt und Neuburg-Schrobenhausen für die Bundestagswahlen am 27. September 2009 ins Rennen zu gehen. John sagte mir, dass viele seiner Parteifreunde nach dem plötzlichen Tod ihres langjährigen Bundesabgeordneten Hans Büttner nach einer herausragenden Persönlichkeit suchten, welche den Wahlkreis 217 in dessen Tradition für die SPD vertreten könnte. Hans Büttner, mit dem ich viele Jahre als einem der führenden Sozialpolitiker der SPD-Fraktion und Chefredakteur der Zeitschrift „Soziale Sicherheit“ eng zusammengearbeitet hatte, war am 19. September 2004, kurz vor seinem 60. Geburtstag, nach einem schweren Herzinfarkt verstorben. Büttner gehörte dem Bundestag seit 1990 an. Zunächst hatte er sich auf die Sozialpolitik konzentriert. Später nahm er - verbunden mit vielen anstrengenden Reisen – die Entwicklungspolitik mit Schwerpunkt Afrika hinzu. In Anerkennung seiner Verdienste um den Sozialstaat hatte ich als DGB-Vize in der von ihm viele Jahre betreuten Zeitschrift einen Nachruf verfasst.

Zu der Anfrage von Sven John habe ich „Ja“ gesagt. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Gegen manche Widerstände hat mich die Bundeswahlkreiskonferenz der Region am Samstag, den 18. Oktober 2008, mit einer breiten Mehrheit von mehr als 82 Prozent der Stimmen aus der Stadt Ingolstadt und den Landkreisen Eichstätt und Neuburg-Schrobenhausen zur Kandidatin für die Bundestagswahl 2009 nominiert. „Es ist uns gelungen, eine engagierte und kompetente Genossin zu finden, die für uns intritt und uns würdig im Deutschen Bundestag vertreten wird“, hieß es auf der Homepage der Ingolstädter SPD.

Zuvor hatte ich meinen ersten Wohnsitz nach Gaimersheim verlegt – einige Kilometer von Ingolstadt entfernt, doch noch im Landkreis Eichstätt gelegen. Dies war wichtig, da der Unterbezirk der SPD Eichstätt mich für die Bundestagskandidatur vorgeschlagen und durchgesetzt hat. Sehr schnell fand ich eine passende Zweizimmerwohnung direkt in Gaimersheim Mitte. Damit bin ich mitten im Leben meines Wahlkreises. Der Konditor beginnt um 5 Uhr 30 mit seiner Arbeit - täglich außer Mittwochs. Um eben diese Zeit beginnt der Autoverkehr aus dem Landkreis zu den nahe gelegenen Audi Werken direkt an meinem Zimmerfenster vorbei; Tag und Nacht schlägt viertelstündlich von der katholischen Kirche gegenüber die Uhr. Zu vielen der schmucken Häuser gehören landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe. Der Autobus nach Ingolstadt fährt von montags bis freitags halbstündlich, samstags stündlich und sonntags nur selten. Es gibt den Luxus eines Bahnhofes für Regionalzüge in Richtung Ingolstadt und Treuchtlingen mit jeweils einstündigen Taktzeiten. Zwei ausgedehnte Gewerbegebiete werden ständig vergrößert. Ebenfalls entstehen neue Ansiedlungen mit komfortablen Einfamilienhäusern. Gerade werden ein „Internationales Gymnasium“ und eine Ortsumgehung zur Verkehrsberuhigung neu gebaut. Gaimersheim, so konnte ich erfahren, ist eine der wenigen Kommunen mit einem Haushaltsüberschuss. Und ein weiterer Grund, dass eine SPD-Kandidatin in Gaimersheim gut Wurzeln schlagen kann: Trotz erdrückender CSU-Mehrheit wird das Rathaus von einer Bürgermeisterin der SPD, Andrea Mickel, geleitet. Sie ist eine überzeugende jüngere Frau mit drei Kindern und voller Tatkraft.

Es bleiben viele Aufträge, Aufgaben und Herausforderungen. Es bleibt ein weit gespanntes Netzwerk mit jenen Männern und Frauen, mit denen ich über viele Jahrzehnte im Einsatz für Arbeitnehmerinteressen verbunden bin. An meinem sozialpolitischen Engagement hat sich nichts geändert - auch ohne Spitzenfunktion im DGB.

Am meisten vermisse ich heute zuweilen die Unterstützung meiner ehemaligen Mitarbeiter beim DGB und das kritische Gespräch mit ihnen. Aber nach Jahren beharrlichen Einsatzes kann ich sagen: Ich habe meinen Platz im sozial- und arbeitsmarktpolitischen Diskurs behalten. Ich bin mir heute noch nicht einmal sicher, ob er schlechter ist als vorher. Über eines bin ich mir allerdings klarer als je zuvor: In der Not lassen sich „Freund“ und „Feind“ besser unterscheiden. Ich schätze mich glücklich, viele gute Freunde innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften gefunden und wieder entdeckt zu haben.

Heute kann ich beruhigt Bilanz ziehen, Bilanz über vier Jahrzehnte meines Lebens und Überlebens als Frau auf dem Weg zur und an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Und ich kann darauf vertrauen: Mein sozialpolitisches Engagement hat nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und eine Zukunft.


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